Denkübungen

Heinrich v. Kleist hat seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge „Denkübungen“ erteilt.
Heutzutage mutet das mehr als seltsam an. Ich finde es dennoch spannend, zu lesen, womit er sie „beschäftigt“ hat, also die Fragen selbst….


Heinrich v. Kleist (1777 – 1811)

Wenn jemand einen Fehler, von welchem er selbst nicht frei ist, an einem anderen tadelt, so hört man ihn oft antworten: du machst es selbst nicht besser und tadelst doch andere? – Ich frage: darf man darum nie einen Fehler anderer tadeln, weil man ihn selbst beging?

Was für ein Unterschied ist zwischen rechtfertigen und entschuldigen?

Wenn beide, Mann und Frau, für einander tun, was sie ihrer Natur nach vermögen, wer verliert von beiden am meisten, wenn einer zuerst stirbt?

Eine Frau kann sich die Achtung und das Vertrauen ihres Mannes erworben habe, ohne Weiterlesen

Soll das so?

Meine älteste Tochter ist Architektin und Innenarchitektin und arbeitet jeden Tag 10 Stunden + 3 Std. Fahrtzeit. Danach möchte Ihr Arbeitgeber sie auch am Samstag sehen.
Meine jüngste Tochter arbeitet in einer PR-Agentur. Man beginnt um 9.30 Uhr. Wer vor 22 Uhr geht, wird schief angesehen. Sie hat Glück. Sie hat nur 1,5 Std. Fahrtzeit. Und samstags und sonntags nur, wenn Aktionen dran sind.

Weshalb wird Ausbeutung mit Engagement verwechselt? Warum gelte ich nur dann als interessiert, wenn ich 80 % meiner wachen Zeit im Büroraum verbringe? Dem Körper ist es schnurzegal, ob der Stress aus Freude oder aus Belastung entsteht. Er unterscheidet nicht. Stress belastet den Körper, den Organismus, das Seelenleben. Basta. Nichts hinzu zu fügen.

IMG_5595 Foto: ad

Ich erinnere noch sehr gut, dass auch ich erst meine Erfahrungen habe machen müssen, bevor ich mein Ziel, eine Slow Life Expertin zu werden, erfolgreich mit Leben füllen konnte. Und ich weiß ebenfalls aus eigener Erfahrung sehr genau, dass auch die Selbständigen keine sauber getackteten 8-Stunden-Tage haben.
Doch inzwischen bin ich Jahrzehnte dabei: Selbständig mit allen Höhen und Tiefen, aber doch immer wieder Kapitän meines Zeitschiffes. Ich liebe es, faul sein zu können. Ich genieße es. Ich liebe es, mich in kreativen Arbeiten gedanklich zu verlieren und alles andere loslassen zu können. Ich brauche „verspielte“ Zeiten, um mich erden zu können, mich zentrieren und ausruhen zu können. Ich brauche eine Balance zwischen Erwerbstätigkeit und privater Zeit. Und wenn ich Balance sage, dann meine ich Balance. Halbe, Halbe – so Pi-Mal-Daumen. Jedenfalls in der Regel. Das ist meine persönliche Balance-Strategie.
Nein, ich fahre kein großes Auto. Nein, ich fahre nicht dreimal im Jahr in Urlaub. Nein, ich habe keine zwanzig Paar Schuhe. Ich empfehle Ihnen nicht meine Strategie. Es ist nur ein Weg von vielen, eine Balance zu realisieren, die die es auch Wert ist, Balance genannt zu werden.

Die Antwort kann sicher nicht sein, dass wir uns nun alle selbständig machen. Dennoch finde ich es schade, dass unsere Gesellschaft dem Privatleben, also der Zeit für den Einzelnen und seine Familie so wenig Achtung beimisst. Natürlich gibt es die Jobs, die um 7.00 beginnen und um 15.00 hat keiner mehr einen Bleistift in der Hand. Das wäre dann für mich der andere Pol. Was ich mir wünsche, ist eine gescheite Mitte.

Weshalb können die skandinavischen Manager in aller Seelenruhe und von allen Weiterlesen

Shakespeare für Eilige

William Shakespeare, 1564 – 1616

Nun kommt also auch Shakespeare unter die Räder und wird für die Eiligen dieser Welt konsumierbar gemacht:
Shakespeare für Eilige, Mary & Charles Lamb

Was soll ich sagen.
Seine Geburtsstadt feiert auf jeden Fall lang und breit in diesem Jahr Jubiläum, denn vor 450 Jahren wurde Shakespeare in Stratford-upon-Avon geboren. Festlichkeit folgt auf Festlichkeit, viele interessante Veranstaltungen finden statt.

Ich weiß auch, Herr Shakespeare war fleißig. Es gibt viel zu lesen. Oder im Theater anzuschauen. Da sind Abkürzungen schon mal erwünscht.

(Übrigens wird zu meiner Verblüffung tüchtig an seinem Ast gesägt, denn es gibt viele Weiterlesen

Slow TelevisionSlow Television

tulpen 012

Hätten Sie gedacht, dass eine Live-Übertragung einer Zugfahrt von Bergen nach Oslo, sieben Stunden und 16 Minuten lang, ein Quotenhit werden könnte? Und das damit ein neues Genre geboren wurde, nämlich Slow Television? Fernsehen in Echtzeit!
Wo? In Norwegen.

Die Zuschauer waren so begeistert, dass  sich das Format etablierte. Auf die Zugfahrt folgten Lachsangeln und Brennholz schlagen, stapeln und verfeuern. Die 134-Stunden-Fahrt des Hurtigruten-Schiffs MS „Nordnorge“ entlang der norwegischen Westküste soll zeitweise von der halben Nation verfolgt worden sein.

Und es geht weiter. Die „Nationale Brennholz-Nacht“ samt acht Stunden knisternden Kaminfeuers oder die „Nationale Stricknacht“ inclusive Weltrekordversuch im Pulloverstricken – kein Ende in Sicht.

Ich bin beeindruckt. Freunde von mir sind beim Film. Sie erzählen oft über die rasanten Schnittfolgen und von je mehr Bilder pro Sekunde desto cooler das Produkt. Oder so.

Ich verstehe nicht immer, wovon sie reden, aber einige von ihnen würden das Norweger Experiment superklasse finden. Wobei Experiment stimmt nicht mehr. Die Sendung gibt es seit 2009!!  Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unserer nordischen Nachbarn.
Die trau’n sich ja was, diese Norweger. Echt jetzt.

Verblüffte Grüße
adtulpen 012

Have you ever imagined that the live broadcast of a 7 hours and 16 minutes railway journey from Bergen to Oslo would get top ratings? And that this gave birth to an utterly new genre: slow television? Television in real time.

Where? In Norway.

The audience was so enthusiastic about this type of broadcast that it has become an established feature: the train journey was followed by salmon fishing and by cutting, stacking and burning firewood. About half the Norwegian population was said to have watched parts of the 134 hours journey of the MS Nordnorge (Hurtigruten-Line) along the Norwegian west coast.

And it is going on: the ‘National firewood night’ with 8 hours of crackling open fire or the ‘National knitting night’ including the attempt to break the world record in knitting a pullover – with no end in sight…

I’m impressed. Friends of mine are in films. They often talk about the fast cuts: the more pictures per second the cooler the movie – or something like that.

I don’t always understand what they are talking about but quite a few of them would find the Norwegian experiment terrific. Although you can’t call it an experiment anymore. Since 2009 it has been on the programme – of our northern neighbours’ public service broadcasting institutions!

They’ve got a nerve, these Norwegians. Really.

Yours amazed,
ad

Sieh, das Schöne liegt so nah…If such beauty is right before your eyes…

Rost + Winter 26-01-14 038

-9° in Travemünde, leichter Wind, später Nachmittag…
Ein Spaziergang bei klirrender Kälte, schönstem Sonnenschein, klarer Luft und blitzblauem Himmel. Habe meinen Muff (Sie wissen noch, was das ist?) rausgeholt und bin losgestapft. Zwischendurch Finger raus und auf den Auflöser gedrückt. Aber nur ganz kurz. Hinterher Spezial-Berliner-Verkaufsstelle angefahren. Lecker.

Ich mache das viel zu selten. Obwohl die Küste bei mir um die Ecke liegt. Kennen Sie das? Sie machen etwas, sind begeistert, sagen, dass muss ich/müssen wir unbedingt öfter machen und –  nix wird draus. Irgendetwas in uns drin hat da ein beträchtliches Beharrungs- oder besser Verharrungsvermögen. Ja, und manchmal scheint ein begabter Vermeidungskünstler am Werk zu sein. Was soll ich sagen. Nun, sagen tun wir natürlich viel: keine Zeit, zu dies, zu das und überhaupt. Schade, schade.
Das Schöne liegt auf dem Silbertablett – und wartet nicht auf uns. Wir sind es, die etwas verpassen. Das Schöne ist einfach schön und braucht uns nicht. Wie war das nochmal mit dem Kapitän auf dem eigenen Schiff? Ich weiß, ich weiß…

Aufgewärmte und sehr herzliche Grüße
adRost + Winter 26-01-14 038
-9°C in Travemünde, a gentle wind, late afternoon…

A walk in the icy cold, in bright sunshine, clear air and under a squeaky blue sky. Got out my muff (you still know what that is?) and started trudging off. Every now and then, only for a second, fingers out to press the shutter release. Then heading for that special doughnut shop – yummy.

Only once in a blue moon I do something like this although the coast is just round the corner. Does that sound familiar to you? You did something, you think it was marvellous und you say you must do that much more often, absolutely, and – nothing happens. Somehow, deep down inside, there is a considerable perseverance or, more precisely, inertia. Well, and at times there seems to be a desire to even avoid these occasions. What can I say? Well, of course we say a lot: no time for this, for that, and besides… Too bad. A pity.

Beauty is lying on a silver platter – and it is not waiting for us. It is us who miss something. Beauty is beautiful in itself and is not in need of us. What was the story of being captain on your own boat? I know, I know…

Warm and best wishes,
ad

 

Liebes Glück, ich komme!

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„Könnte ich mein Leben nochmals leben, dann würde ich das nächste Mal versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde mich entspannen, lockerer und humorvoller sein als dieses Mal.
Ich kenne nur sehr wenige Dinge, die ich ernst nehmen würde. Ich würde mehr verreisen. Und ein bisschen verrückter sein. Ich würde mehr Berge erklimmen, mehr Flüsse durchschwimmen und mir mehr Sonnenuntergänge anschauen. Ich würde mehr spazieren gehen und mir alles besser ansehen. Ich würde öfter ein Eis essen und weniger Bohnen. Ich hätte mehr echte Schwierigkeiten und weniger eingebildete.

Müsste ich es noch einmal machen, ich würde einfach versuchen, immer nur einen Augenblick nach dem anderen zu leben, anstatt jeden Tag schon viele Jahre im Voraus.
Ich gehörte immer zu denen, die nie ohne Thermometer, Wärmflasche, Gurgelwasser, Regenmantel und Aspirin aus dem Haus gingen.
Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, würde ich viel herumkommen, viele Dinge tun und mit wenig Gepäck reisen.
Könnte ich mein Leben nochmals leben, würde ich im Frühjahr früher und im Herbst länger barfuß gehen. Und ich würde öfter die Schule schwänzen. Ich würde mir nicht so hohe Stellungen erarbeiten, es sei denn, ich käme zufällig daran. Auf dem Rummelplatz würde ich viel mehr Fahrten machen, und ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.“

Diesen Text soll der argentinische Schriftsteller Jorges Luis Borges (1899 – 1986) geschrieben haben, man ist sich nicht sicher.

Ich sage – wer auch immer hier seine Gedanken notiert hat, ich könnte ihn für diese Ode an das Leben drücken!

Dankbare Grüße
ad

Erfolg

wonderful life, Mischtechnik, Kupfer, Bronze auf Leinwand, 2008, 120 x 100

Wonderful life, Mischtechnik mit Bronze auf Leinwand, 120 x 100, ad

Ralph Waldo Emerson – mein Bruder im Geiste -:

„Oft lachen und lieben. Den Respekt intelligenter Menschen gewinnen und die Liebe von Kindern. Von anerkannten Kritikern anerkannt werden. Dankbar sein für die Schönheit. Sich selbst verschenken. Die Welt ein bisschen besser zurücklassen, sei es durch ein fröhliches Kind, ein kleines Stück Garten oder die grandiose Lösung einer großen Not. Mit Begeisterung gespielt und gesungen haben. Zu wissen: Es gab wenigstens einen einzigen Menschen auf dieser Welt, der leichter atmen konnte, nur weil Du gelebt hast.“

Das ist die beste Beschreibung von Erfolg, die ich kenne. Vielleicht sind ein paar Prisen für die Gestaltung unseres neuen Jahres dabei. Oder für ein aufgefrischtes Denken. Oder für ein Lächeln. Über das Lächeln würde ich mich freuen. Sehr sogar.

Wache Grüße
ad

Sorgen Sie gut für sich!

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Nachmittag. Tür zu und tief einatmen. Ausatmen in Vorfreude. Sanfte Musik, Kerzen, in Lieblingsdecke einkuscheln. Noch mehr ausatmen und zusehen, wie sich die Dunkelheit auf den Weg zu uns macht. Friedvoll zuschauen. Kopfgeräusche? Stecker raus. Noch mehr ausatmen. Körper spüren. Seele spüren. Ankommen.

Wärmende Grüße
ad

Die Sache mit der Atmung

Wenn man sich mit dem Thema Entspannung beschäftigt, kann man den Eindruck bekommen, um die Atmung wird ein echter Hype betrieben. Wir stolpern allenthalben über die Aufforderung, wir mögen doch lernen, „richtig“ zu atmen, wir sollen beobachten und dann noch zählen und sogar noch üben. Vielleicht wissen wir, dass der Mensch oft zu flach und zu schnell atmet. Manchmal auch zu wenig. Der Zusammenhang ist bekannt: es geht um Sauerstoffzuführung und das Ausatmen von Kohlenmonoxyd.  Und ja, soweit können wir das nachvollziehen: wir bewegen(!) uns häufig(!) nicht genügend an der frischen(!) Luft, und da kann das mit dem zu wenig Sauerstoff schon angehen. Aber deshalb gleich ein Atem-Coach, Atem-Reha, Atem“technik“, den heiligen Atem?? Was hat es also mit der Atmung auf sich.

Die Bedeutung der Atmung ist aus zweierlei Gründen von zentralem Interesse: Zum einen für den Grad der Entspannungstiefe und zum anderen für die Herstellung des Kontaktes zu uns selbst. Dabei gilt das Einatmen in der Entspannungstheorie als aktiver Akt: belebend und kraftvoll. Das Ausatmen gilt als Akt des Zur-Ruhe-Kommens und in diesem Sinne als passiv. Ausatmen bedeutet demnach einerseits loslassen (Entspannung) und andererseits Sammlung (Kontakt zu mir selbst).

Das ist der Grund, warum das Ausatmen bei allen Entspannungstechniken eine solche Bedeutung hat.  Und warum es Sinn macht, eine Verlängerung der Ausatmungsphase zu trainieren, wobei Verlängerung hier für Vertiefung steht. Manchmal muss es ein Spaziergang sein, eine Jogging-Runde, ein Handballspiel, um runterzukommen. Oder wild tanzen. Das hilft auch. Und manchmal braucht es genau das Gegenteil, nämlich mehr Ruhe. Und wenn das der Fall ist, lässt sich das Ruhegefühl durch eine bewusste Atmung, die auf Bauchatmung angelegt ist (und eben dadurch wieder ihre Tiefe erlangt), geradezu voluminös herstellen. So richtig satt. Und tief. Ein wunderbares Gefühl ausufernder Ruhe. Und ich lasse es zu. Dieses Ausufern. Soll die Ruhe sich ausdehnen, wohin sie will, sie bekommt allen Raum und alle Zeit. Mein Körper, mein Weiterlesen