Slow Life…. Männergesundheitsbericht 2013

Ganz so leicht, wie es Mark Twain so trockern formulierte und damit durchaus auf den Punkt brachte (siehe gestrigen Beitrag), ist das Leben für den ein oder anderen dann doch nicht. Insbesondere wenn Verluste nicht mehr gespürt werden.
Wir können dem Männergesundheitsbericht 2013 (dpa-Meldung, 24.05.13) entnehmen, dass bei Männern viele psychische Störungen unzureichend diagnostiziert und behandelt werden. Die Forscher schreiben, dass männerspezifische Störungen in weiten Teilen der Medizin und des öffentlichen Bewusstseins bisher kaum beachtet seien. Im Ergebnis habe das dazu geführt, dass die Selbstmordrate bei Männern in den letzten Jahren erkennbar gestiegen sei. Als zentrale Ursachen werden höhere Belastungen im Beruf und eine wachsende Gefahr des sozialen Abstiegs genannt.

Das alles entspricht meinen Erfahrungen: Viele Männer arbeiten viel und hart – überall, doch in starkem Maße in Führungspositionen, Selbständige und Freiberufler. Sie Opfern eine Menge: Lebenszeit, Gesundheit und zwischenmenschliche Wärme. Zum Beispiel für den Erhalt der sozialen Position (siehe oben), womit die Angst vor Abstieg vorprogrammiert ist. Die Spirale hat begonnen………

Wann also soll nachgedacht werden über Sinn und Unsinn, über Lebensqualität – die sich ruck-zuck durch erstklassige Restaurants, einem teuren Auto, dem entsprechenden Haus, der reizenden Gattin (gern in Prada + Co) oder einfach nur durch wichtig-wichtig demonstrieren lässt? Genau das sind die Faktoren, die das Innehalten so erschweren. Ja, wir haben selbstverständlich unsere Verantwortung an der Ausgestaltung unserer Umwelt. Status fällt im Regelfall nicht vom Himmel, man muss ihn sich erARBEITEN.
Also – los geht’s. Alle freuen sich: vielleicht schon angefangen bei den Eltern, den Partnern, den Kindern, den Freunden. Und man selbst natürlich auch: ich könnte mir gut vorstellen, auch wir würden zunächst mit Stolz auf das Erreichte schauen. Ob es zum Genießen reicht, da kommen mir schon die Zweifel.
Männern in solchen (Lebens-) Situationen wünsche ich oft Partnerinnen oder Ehefrauen, die deutlich machen, dass Geld wirklich nett sein kann, aber längst nicht so wichtig ist, wie ein gesunder, entspannter und lebendiger Gatte.
Deshalb habe ich mich sehr über einen Beitrag in der ZEIT vom 20.01.11 gefreut. Dort fand sich ein Interview mit Herrn Ekkehard Schulz, 69, der zu der Zeit als Chef von ThyssenKrupp abtrat. Ich kenne Herrn Schulz nicht. Zu ThyssenKrupp steht jeder, wie er will. Aber es gab Bemerkenswertes im Interview zu lesen. Nicht nur die Geschichte, wie Herr Schulz nach einer Netzhautablösung mitten in der Aufsichtsratssitzung noch in derselben Nacht operiert wurde – und zwei Tage später an der Hauptversammlung teil nahm.
Nein, vielmehr diese Art von Frage: Was sind Sie für ein Mensch?  Die Antwort: „……Und ich war mein Leben lang unabhängig. Ich habe mal einen schönen Satz gelesen, der stammt von Perikles „“Das Geheimnis von Freiheit ist der Mut.““ Das trifft es ganz gut“.
Noch eine schöne Frage: „Da wir über Ihr Managerleben reden – haben Sie nur gemanagt oder auch gelebt?“ Auf den Punkt gebracht, lautete seine Antwort: Bevor ich im Vorstand war, war es ein gutes Leben. „Das war die schönste Zeit…..Danach hat die Lebensqualität deutlich abgenommen. Das höre ich auch von meiner Frau und meinen Kindern“.
Journalist: „Trotzdem haben Sie immer weiter gemacht. Wie passt das zur Freiheit und zu Perikles?“
Und jetzt kommt ein echter Knaller:

„Ich habe schon früh meiner Frau gesagt: „Es kann durchaus sein, dass ich mal nicht mehr Vorstand bin, weil ich zu oft Leuten sage, was  ich denke und dann auch tue. Manche vertragen das, manche vertragen das nicht. Also, lass uns so leben, dass wir nie Schulden machen und frei sind. Durchschnittlich intelligent und fleißig bin ich, also werde ich schon einen Job finden, um die Familien zu ernähren“. Das meine ich mit Freiheit: Ich habe mir die innere Unabhängigkeit bewahrt.“

Jawoll, es geht! Es kann funktionieren! Es ist möglich! Und all das hat nichts damit zu tun, das in entsprechenden Hierarchieebenen anders verdient wird. Das hat etwas mit der inneren Haltung zu tun. Mit Treue zu sich selbst.

Deshalb finde ich es gruselig, dass es Filme im deutschen Fernsehen gibt, die z. B. davon handeln, wie sich eine ganze Familie drei Wochen in eigenem Haus bzw. Keller versteckt, weil der angesagte Urlaub nach Ganz-weit-weg-und- ganz-doll-angesagt durch Spontan-Arbeitslosigkeit des sonst erfolgsgewöhnten Ehemannes ausfallen muss – und es die Verwandten und Nachbarn nicht mitbekommen sollen. Oder wie in der Werbung ein freundlicher, junger Mann viele Treppen hochsteigt, um der Liebsten die Frühstücksbrötchen zu bringen – sie die Tür öffnet, sich nur die Butter schnappt – und ihm die Tür vor der Nase zuschlägt. Sowohl in Film als auch Fernsehen gibt es vielerlei weitere Beispiele (erinnern sie sich an die Chips-Werbung? Die Koffer und die Tüte nur für mich?) und das sagt etwas aus. Gerade die Werber überlegen sich akribisch genau, womit sie Zielgruppen gegenübertreten – was also sagt es über die Zielgruppe?
Ich habe mich auch gefragt, ob es mir in all diesen Fällen vielleicht an Humor mangelt. So was kommt ja vor. Aber nein, ich denke, ich bin eher schockiert. Denn die Werber (und manchmal auch die Filmemacher) sind am Puls der Zeit. Ihre Clips sind Spiegel, wir sollen uns wiedererkennen.
Aha.
Ja, dann.
Die armen Männer…….

Nachdenkliche Grüße

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