Slow listening

Das Kleistmuseum in Berlin lädt auch dieses Jahr wieder zu einer wunderschönen Veranstaltung zum Valentinstag. Aus dem Einladungstext:

„Stefan Schwarz schreibt Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher, Einkaufszettel. Er kennt sich aus mit heiklen Liebes- und Lebenslagen und macht daraus beste Unterhaltung. Das prädestiniert ihn selbstverständlich, nun schon zum zweiten Mal zum Valentinstag im Kleist-Museum seine Weisheiten über Verliebte, Verlobte, Verheiratete und Geschiedene zu verkünden. Er macht das wie immer klug, witzig und sprachlich elegant. Wenn es überhaupt eine Wahrheit über Paare und Familien gibt, finden Sie sie hier. Auch in diesem Jahr laden wir zu einem Glas Sekt zur Einstimmung auf einen entspannten, geselligen Abend ein, der noch gekrönt wird von der musikalischen Begleitung durch Jacek Fałdyna auf Saxophon und Klarinette. “

Bildergebnis für kleistmuseum berlin außen

Natürlich am 14. Februar 2018, 19 Uhr
Eintritt: 10,- Euro, erm. 8,- Euro; Paarticket: 18,- Euro
Voranmeldung unter Tel.: 0335 – 387 22 1-30 oder E-Mail: kasse@kleist-museum.de
Foto: Schaalburg

Der Titel der Lesung lautet übrigens: Lass uns lieber morgen
Wenn das nicht mal was anderes ist.

Heitere Grüße
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Slow balancing

Herr Lukas Bärfuss ist nicht gut auf die Achtsamkeit zu sprechen. Außerdem ist er berühmt. Ein Schweizer Schriftsteller und Dramaturg. Er reflektiere Stimmungen in der Gesellschaft – steht in dem Artikel. Und ein Interview gibt es auch.
Ihm gehe die „abscheuliche Achtsamkeit“ (O-Ton) auf die Nerven, die überall propagiert werde. Dieses Zurückziehen in die Innerlichkeit sei ein Symptom für die Entpolitisierung der öffentlichen Sphäre.

Nun kann ich Herrn Bärfuss leider nicht persönlich befragen, was er denn damit meint. Denn Achtsamkeit ist ja nach meinem – und vielerlei anderer Leute – Verständnis geradezu ein Leuchtturm für Präsenz. Für Hier und Jetzt. Mitbekommen, was um einen herum geschieht, wach sein – Stichwort Bewusstheit.

Und ja, achtsam kann ich auch mit mir und meinem Innern sein. Zumindest in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen sollte ich das auch tun, um mit mir selbst und den eigenen Bedürfnissen gut im Kontakt zu bleiben. Richtet sich die Achtsamkeit allerdings nach außen, bin ich in der Lage, sowohl das Detail als auch das Ganze – bewusst – anzuschauen.
Es stimmt, Achtsamkeit hat etwas mit Langsamkeit zu tun. Das eröffnet uns den Weg, genauer hinschauen zu können. Allerdings nicht nur, um die kostbaren „Kleinigkeiten“ in ebenso kostbaren „bewussten Momenten“ wahrnehmen zu können (die – berühmte – Tasse Tee etc.), sondern auch die großen  – komplexen – Zusammenhänge.

Letztlich ist Achtsamkeit eine Frage der Haltung. Eine bewusste, sich Zeit nehmende Haltung, und zwar gegenüber sich selbst, den anderen und dem Leben im allgemeinen. Und nur Langsamkeit hilft bei all den Differenzierungsaufgaben, die sich z. Z. gesellschaftlich und politisch so auftun. Auf Autopilot sind wir alle immer noch genug unterwegs. Und ist es nicht genau dieser Zustand auf Autopilot – vor allem in Denkkurven und Gedankentunneln aller Art, der die Sphären sehr wohl politisiert? Und nach meinem Dafürhalten keineswegs nur zum Guten.

Deshalb:  Die Tatsache, das etwas/die Achtsamkeit vom Mainstream in Besitz genommen wird und scheinbar rückstandslos von ihm verdaut wird, beraubt es/der Achtsamkeit weder ihrer Bedeutung noch ihres Sinns.

Gelassen achtsame Grüße
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Die Epidemie im Verborgenen

… so nennt das englische Rote Kreuz die Vereinsamung viel zu vieler Menschen, und das gilt nicht nur für England. Dort gibt es jetzt allerdings einen Regierungsposten, der sich mit der Bekämpfung von Einsamkeit beschäftigen und parteiübergreifen Projekt vorantreiben wird. „Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens“, erklärte Premierministerin Theresa May.
Menschen aller (!) Altersstufen und in den unterschiedlichsten Lebensphasen können von Isolation und Einsamkeit betroffen sein – sei es nach dem Ausscheiden aus dem Job, nach Trennungen oder bei Trauerfällen. Der Gedanke wird von einem Gesundheitsexperten in Deutschland aufgegriffen. Politik gegen Vereinsamung.

Ein Schritt wäre es, endlich, endlich in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Seniorenstiften einen deutlich verbesserten Personalschlüssel zu installieren, damit den dort arbeitenden Menschen wesentlich (!) mehr Zeit für das Gespräch, für den Austausch zur Verfügung steht. Übrigens etwas, was das Personal nur zu gerne täte.

Aber wenn kranke Geister – und ich bleibe bei dieser harten Aussage – entscheiden, Krankenhäuser u.ä. zu einem Aktienobjekt verkommen zu lassen, um daraus ihren Renditehunger zu stillen, brauchen wir keine Hoffnung auf die Politik zu setzen. Denn diese trägt das mit bzw. initiiert so etwas sogar. Allerdings ist auch jeder Besitzer solcher Aktien in meinem Augen mitschuldig an diesem Skandal. Es ist – und wird mir auf immer ein Rätsel bleiben, wie man mit solchen Methoden versuchen kann, seinen Wohlstand zu mehren. Was für sich gesehen – eben den eigenen Wohlstand zu mehren, in keinster Weise verwerflich ist.

Achten wir also aufeinander. Bedürfnisse lassen sich nicht von Stirnen ablesen. Wir werden auch weiterhin fragen und zuhören (!) müssen, was jemand braucht, was jemandem gut tut. Ist die Isolation, die Einsamkeit, die wir an einem Menschen wahrzunehmen glauben, tatsächlich vorhanden? Will der oder die Betroffene etwas ändern? Bleiben wir auch nach einem ersten Nein „in Bereitschaft“? Manchmal braucht es so eine Rückzugsphase zur Regenerierung. Irgendwann kann daraus  Vereinsamung werden. Helfen wir einander, diesen Moment im Auge zu behalten und hilfreich zur Seite stehen zu können.

Grüße mit offenen Augen
AD

Never ending story

Im Rausch der Optionen, 60 x 60, Acryl auf Leinwand, AD 2017

Heute lese ich einen Artikel (LN) über den Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower, der als Konsequenz aus der Digitalisierung eine Bildungsrevolution (! Anm.d.V.) zur Stärkung der sozialen Kompetenzen (! noch einmal Anm.d.V.) für unausweichlich hält.
Mit diesen Fähigkeiten würde kein Mensch geboren, man müsse sie sich aneignen.

Fast bin ich geneigt zu sagen, hört, hört. Für Herrn Snower (Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft) habe das den gleichen Rang wie das vor 500 Jahren eingeleitete Projekt, dass Menschen lesen und schreiben können sollten. Und weil sich ein Großteil der Menschheit das angeeignet habe, habe sie große Fortschritte gemacht.

Scheinbar bis hierhin ohne Sozialkompetenz. Verstehe ich es falsch? Schließlich könne das alles trainiert werden (wo der Mann recht hat, hat er recht): Toleranz, Respekt, Mitgefühl. Wir müssten nun erneut eine Bildungsrevolution (oh, wie gerne ich das täte) durchführen, „um unsere sozialen Fähigkeiten zu entwickeln.“

Es wird nicht helfen. Selbst die Worte Menschheit,  Fortschritt (das funktioniert doch sonst IMMER), Sozial Kompetenz und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in einem Satz werden nicht dazu beitragen, dass dieses Anliegen endlich in dem Maße ernstgenommen wird, wie es ihm zukommt.

Nun fangen wir, was diese Tugenden angeht, keineswegs bei Null an. Dennoch teile ich die Meinung, dass für die Erlernung und Beibehaltung (!) dieser Tugenden mehr getan werden muss – denn was wir haben, reicht nicht. Jedenfalls nach meinem Dafürhalten.

Und zwar zum einen, weil sich in Deutschland die entsprechenden Entscheider NICHT entscheiden können, welches Menschenbild überhaupt zugrunde gelegt werden soll, wenn es um Erziehung (im weitesten Sinne) geht. Zu viele Köche spucken in den lebenswichtigen Brei.
Und zum anderen erlahmen wir als Individuen in diesen – und anderen – Tugenden. Was soll ich sagen. Vielleicht haben wir keine Kraft, keine Zeit mehr, freundlich, respektvoll, mitfühlenden und tolerant zu sein? Ich spreche hier nicht vom Optimum, sondern ganz bescheiden von einem Grundinteresse.

Haben wir nicht alle schon diese Sätze gehört, es müsse mehr von diesen oder jenen Tugenden gelebt werden? Wie oft? Wie lange? Können wir es noch hören?
Also sind wir ganz bei Herrn Snower und geben ihm völlig recht und gehen ansonsten unserem Tagewerk nach.
Vom Kopf her ist ja alles klar, allein das Herz, der Bauch, die Zunge…

Never ending hoffnungsfrohe Grüße
AD

Weniger ist – und bleibt – mehr

„Das allgemeine Empfinden, um dieses Land stehe es schlimm, ist dem überbordendem Nachrichtenkonsum geschuldet. Früher las man morgens die Zeitung, regte sich auf, und dann wickelte man den toten Fisch in das Papier. Nix wurde dauernd aktualisiert, es gab keine Foren (…)  kurz:
Man konnte sich den Rest des Tages um sein eigenes Leben kümmern.“
(Dieter Wischmeyer)

Unserer Demokratie würde ein Mehr-bei-sich-bleiben-können seiner Bürger und Bürgerinnen gut tun. Das allgemein gegenwärtige (Dauer-)Geschrei über alles und jedes lässt einen leicht das Wesentliche aus den Augen verlieren. Zum Beispiel unsere Gesundheit – ein wesentliches Element – letztlich auch im Hinblick auf rege Teilnahme an Bürgeraktionen im Rahmen gelebter Demokratie. Üben wir uns also in Erdung und Zentrierung, denn: durchdrehen war schon immer einfach. Souverän bleiben jedoch – ganz genau!

Gestärkte Grüße
ad

Ich bin so gern allein

„Das geistige Doppelkinn zusammen mit dem weinerlichen Tonfall von Leuten, die nichts zu klagen haben. Deshalb bin ich auch so gern allein. (…)

In meinem Traum bin ich nicht von anderen Leuten vollgemüllt, im Gegenzug lasse ich sie mit meinem Gerede in Ruhe. Soziale Langeweile ist unproduktiv, aber man kann sich so schlecht wehren, aus Respekt, Konventionen, Höflichkeit. Alle gesellschaftlichen Verpflichtungen, bei denen man gezwungen wird beieinanderzusitzen: Abschaffen! Nur noch offene Räume, in die Leute rein- und rauskönnen, ohne dass daraus eine Verpflichtung entsteht. Also nur noch Restaurants und Kaffeehäuser.“ (Daniel Richter)

Klingt doch verlockend.
Nicht reden müssen. Reden wollen. Schweigen wollen. Schweigen.

Beredte Grüße
ad