Why Waiting is Torture

so lautet die Überschrift eines Artikels aus der NYTimes von Alex Stone.

In dem Artikel geht es darum, dass man am Houston Airport viele Beschwerden über lange Wartezeiten an den Kofferbändern erhielt. Man erhöhte darauf die Anzahl der Arbeiter, womit die Wartezeiten erfolgreich gesenkt wurden. Die Zahl der Beschwerden jedoch hielt an. Daraufhin schaute man genauer hin und fand heraus, dass die Passagiere eine Minute brauchten bis zum Kofferband und sieben Minuten später hatten sie ihr Gepäck in der Hand. Ungefähr 88 % ihrer Zeit brauchten sie also, um herumzustehen und auf ihr Gepäck zu warten. Daraufhin entschied man sich zu folgender Vorgehensweise: anstatt die Wartezeiten zu kürzen, verlegte man den Weg zu den Kofferbändern. Die Passagiere mussten nun 6 x länger zu den Bändern laufen. Ergebnis: Die Beschwerden verschwanden gen Null.

Diese Geschichte zeige – so geht es im Artikel weiter – ein generelles Prinzip: Die Aussicht, warten zu müssen – völlig egal, worauf – ist nur teilweise von der objektiven Länge von Wartezeit bestimmt. Vielmehr ist die Psychologie des Schlangestehens ungleich wichtiger als die Wartestatistik an sich. (Eine Ausnahme bilden vielleicht die Engländer??? Anm.d.V.) „Beschäftigte“ Zeit (das Gehen zum Gepäckband) fühle sich kürzer an als die unbeschäftigte (Stehen am Kofferkarussel). Untersuchungen von Schlangestehen haben gezeigt, dass Menschen dazu neigen, die Wartezeit in Schlangen um etwa 36 % als länger einzuschätzen.

Das soll übrigens auch der Grund für Spiegel in der Nähe von Fahrstühlen sein: gib den Leuten etwas, womit sie sich die Zeit vertreiben können, und das Gefühl des Wartenmüssens verkürzt sich subjektiv. Das gleiche gelte für all die Regale an den Supermarkt-Kassen – auch damit vertreibe sich die Kundschaft die Zeit (und denkt weniger über die Qual des Wartens nach). Die Supermärkte erreichen damit zusätzliche Millionenumsätze. (Ich kauf‘ nie wieder was in der Schlange vor der Kasse…Anm.d.V.)

Hinzukommt: Wenn eine lange Wartezeit mit einer angenehmen Note endet, schauen wir positiv zurück. Dominiert das Ende einer Wartezeit mit einem negativen Ergebnis, dann bleibt uns diese Erfahrung lange im Gedächtnis. (Aber das wissen wir ja inzwischen (fast) alle: Das Negative bekommt in unserem Gedächtnis eine deutlich höhere Aufenthaltsdauer zugebilligt als das Positive. Anm.d.V.)

Außerdem: Wenn man uns die Wahl ließe zwischen einer kurzen und sich nur langsam bewegenden Schlange und einer langen Schlange, die sich schnell bewegt, dann neigen wir zu letzterem. (Das sieht dann übrigens in etwa so aus:

Was sagt uns nun das alles? Lassen wir deshalb Artikel Artikel sein und kehren noch einmal zur Überschrift zurück: Die Tortur des Wartens. Besagte Tortur besteht also in der Ereignislosigkeit.

Bedenken wir, dass das Wort Tortur vom lateinischen torquere (winden, drehen, quälen) abstammt und im Mittelalter für eine überaus brutale Art des menschlichen Umgangs miteinander stand, so steht das Wort inzwischen für ein „unangenehmes Erlebnis, das für jemanden eine Qual darstellt“.

Das Warten als unangenehmes Erlebnis. Etwas, womit man uns seelisch und körperlich meint quälen zu müssen, und was ganz offensichtlich vermieden werden muss. Ja, in der „richtigen“ Schlange zu stehen, zeigt gar unsere Gewinnerqualitäten. Denn schließlich warten nur Looser in der „falschen“ Schlange. Und Leute, die in Staus geraten, also mein lieber Scholli.

Ach ja, wir haben uns dem Drill, das time money zu bedeuten habe, erfolgreich unterworfen. In dieser Hinsicht hat man es inzwischen echt leicht mit uns. (Wie schön zwischendurch, wenn ein Leser der ZEIT erzählt, dass eine ältere Dame aus ihrem Auto stieg, zum Busfahrer vor ihr ging – und ihn fragte, ob er DAS Grün der Ampel nicht möge?!)

Und ja, es ist nicht einfach, sich diesem Wahnsinn zu entziehen. Aber unmöglich? Nun geht es ja nicht darum, dass gesamte Leben in Ereignislosigkeit zu verbringen. Es wäre ja schon viel (und vielen) geholfen, wenn sie in der Lage wären, für einen bestimmten Zeitabschnitt, für einen Moment, für einen Augenblick, eine Weile lang(!) Ereignislosigkeit überhaupt auszuhalten. Schaut man sich das Wort Geduld an, so steht es für die Fähigkeit (erlernbar!) oder Bereitschaft (erlernbar!), etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen. Das Wort Genuss hätte hier auch seinen Platz, aber ich will es mal nicht übertreiben.

Zum Schluss noch mal zum Artikel: Je höherwertiger das sei, was man kaufen wolle, desto eher seien wir gewillt, zu warten.

Was bedeutet: Hätte die Ereignislosigkeit per se einen Wert für uns – das Warten wäre purer Genuss!

Schlangenartige Grüße
ad

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