Mehr als nur (!) das Leben

Die meisten Weltreligionen versprechen ein besseres Leben nach dem Tod. Allerdings nur, wenn wir uns im Diesseits ordentlich anstrengen. Wir ackerten also, um es im vermeintlich(?) nächsten Leben endlich(!) besser zu haben.

Mit der Religion haben wir es heute nicht mehr so. Das passt gut, denn unser westlicher Religionsgedanke wurde von dem Versprechen der Konsumanbieter abgelöst, das Heil bereits im Diesseits zu finden, und das, in dem man uns mehr als nur (!) das Leben versprach.

Mehr als das Leben. Es geht um Intensität. Leben reicht nicht mehr, es sollte schon ein intensives Leben sein, optimiert bis in die Fingerspitzen. Dies ist weder eine pauschale Kapitalismuskritik noch ein Aufruf zum kompletten Konsumverzicht. Es ist ein Aufruf, wach zu bleiben – und selbst zu denken.

Intensität = die Kraft, mit der etwas wirkt. Es geht um Energietransport, um Einfluss eines Mediums und vor allem geht es bei Intensität um Sättigung. Die Konsumanbieter gingen soweit, zu versprechen, dass bei einem Kauf eine emotionale Sättigung eintrete.  Sie schafften es – und wir machten eifrig mit -, uns einzureden, dass eine emotionale Sättigung viel praktischer und schneller und schöner und einfacher und vor allem häufiger und verletzungsfreier durch Kauf zu erlangen sei. Ehrliche, direkte, authentische emotionale Sättigung von Mensch zu Mensch oder gar aus sich selbst heraus – für die wir nichts Käufliches brauchen – wurde zu einem rückständigen Konzept.

Damit das mit dem Einreden klappte, arbeiteten Werbung und Konsumanbieter mit aller Kraft daran, unserem Denken und Handeln größtmögliche Verunsicherung zukommen zu lassen, auf das wir unserem eigenen Urteilsvermögen misstrauen und abgeschnitten werden von unserer wahren inneren Bedürfnislage. Und so sind wir Menschen umzingelt von Werbungs-Reizen – lauten, leisen, schrillen, subtilen, angstschürenden, unwahren – und jeder dieser Reize schreit: glaub dir nicht, glaub uns!

Also: Reiz – Reaktion – und peng. Reiz – Reaktion – und zack. Sehen – kaufen – Hochgefühl. Das Haben hat das Er-Leben abgelöst. Es geht um konsumieren: Produkte oder Kicks, ganz egal. Auf jeden Fall – mehr davon.

Da das erstandene Produkt nur ein Ersatz für echte Emotionalität ist, bekommen wir schnell mit, dass der Rausch, das Hochgefühl, nicht lange vorhält. Und das weiß die Konsumgüterindustrie – schließlich ist es ihre Geschäftsgrundlage: Erst verunsichern, dann die Verunsicherung „heilen“. Entsprechend hoch muss die Kauftaktung sein, damit der Konsument in seiner Selbstversorgung mit Intensität einerseits nicht nachlässt und andererseits nicht etwa ins Nachdenken kommt. (Beim Nachdenken könnte z. B. rauskommen, dass wir uns selbst genügen und lieben, so wie wir sind, was man auch ein gesundes Selbstwertgefühl nennen kann.) So sorgen die Konsumanbieter dafür, dass ständig etwas Neues, noch Tolleres, noch Unverzichtbareres angeboten wird, wir gleichzeitig nach etwas Neuem schreien und inzwischen meint niemand mehr zu wissen, was eigentlich Huhn und was Ei ist.

Das war und ist der Weg in die Sucht. Die Sucht nach Intensität. Da sich die versprochene Intensität durch Konsum wie beschrieben als Mogelpackung erweist, müssen nun die ständigen Reizorgien immer größer und größer sein, damit sie bei uns noch dieselben – intensiven – Reflexe und rauschhafte Zustände auszulösen vermögen. Der Mensch versucht also durch immer mehr Konsum die gepriesene Intensität durch entsprechend suchthaftes (Kauf-)Verhalten am Kochen zu halten, denn darum geht es, das heißt doch Leben – oder etwa nicht? Intensität, Kicks, Maxima, Ultras, mehr und mehr und mehr, mehr als nur Leben – um endlich….ja, was eigentlich? Um Befriedigung kann es nicht gehen. In dem Wort steckt das Wort Frieden. Oder doch? Also in der Hoffnung worauf? Was kommt nach Bungee-Jumping und Shopping-Queen?

In dem Wort Sucht steckt das Wort suchen. Die Menschen sind offensichtlich auf der Suche, wenn sie sich im Dschungel des Konsums verheddern. Was auch immer es ist, was da gesucht wird, es scheint offensichtlich nicht zu kaufen zu sein.

Das Ergebnis ist, dass wir inzwischen wie ein vollends leeres Gefäß gesehen werden (und offensichtlich uns selbst so sehen), in das ständig von außen – durch Konsum – etwas hineingeworfen werden muss, um glücklich zu sein. Wir sind erfolgreich dressiert worden und haben uns dressieren lassen. Das alles hat dazu geführt, dass wir so verunsichert sind, dass uns scheinbar ständig jemand sagen muss, was wir machen sollen – was wir kaufen, essen, anziehen, wie wir uns einrichten sollen. Wir haben zugelassen, so weit von uns, unserer Intuition, unserem Gefühl für den eigenen Körper, unserem gesunden Menschenverstand entfernt zu sein, dass wir meinen, die einfachsten Entscheidungen nicht mehr allein treffen zu können.

Die Kreise, die wir mit dieser Einstellung ziehen, sind elementar. Wir haben verinnerlicht, dass wir in irgendeiner bestimmten Art und Weise etwas „brauchen“, um glücklich, zu sein – Menschen, Dinge, die richtige Temperatur und wer weiß, was noch. So pulen wir uns gewissermaßen selbst auf den Haken: wir bauen Abhängigkeiten auf nach dem Prinzip „wenn-dann“: Wenn ich Produkt x hätte, dann könnte ich – endlich – glücklich sein und ich wäre – endlich – ok.

Das Prinzip „wenn-dann“ funktioniert allerdings auch gänzlich ohne käufliches Produkt: Wenn die Sonne jetzt scheinen würde, dann könnte ich glücklich sein. Leider scheint sie nicht (wieso habe eigentlich immer(!) ich so ein Pech) und deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als unzufrieden zu sein.(Opfer) Wenn es ums Unglücklichsein geht, dann sind wir Menschen ja erfinderisch.

Und so lassen wir angefangen bei der Ernährung, über die Medizin, über Erziehung, über das Modediktat, über unseren Körper, über weiter und weiter bis dazu, wie wir „am besten“ (nämlich im Sinne der Konsumanbieter) einkaufen(!), erzählen, was wir zu tun und zu lassen haben, um glücklich zu sein. Bis wir endlich, endlich an der Konsumnadel hängen und ohne die geringste Hinterfragung nur noch schlucken, was man uns thematisch vorsetzt. Damit laufen wir Gefahr, die Entscheidungshoheit komplett fremden Händen zu überlassen.

Wir sind das Produkt, an dem gefeilt wird, um noch den letzten Cent aus uns raus zu quetschen, aber noch viel mehr geht es darum, dass wir den Glauben an uns selbst verlieren. Die Heilsversprechen der Werbung – komplett egal aus welcher Produktrichtung – zielen auf uns, denn wir sind das eigentliche Produkt.

Die Verzweigungen und die Willkür innerhalb dieses Kapitalismus-Konstrukts sind in meinen Augen skrupellos. Über Jahrzehnte galt ein Blutzuckerwert ab 140 als bedenklich bzw. krankhaft. Dann hat sich die Pharmaindustrie überlegt – mit entsprechender Unterstützung „unabhängiger“ Ärzte -, womit sie mehr ihrer Produkte zur Blutzuckerregulierung verkaufen kann. Sie kam auf die glorreiche Idee (hat sicher zu wundervollen Boni geführt), den praktizierenden Ärzten und damit uns erfolgreich „zu verkaufen“, dass ein Wert bereits ab 120 krankhaft ist. Das Ergebnis dieser Aktion können wir in entsprechenden Bilanzen nachlesen.

Von dieser Art willkürlicher Akte gibt es eine schier endlose Zahl in allen Bereichen unseres Lebens. Wir haben zugelassen, dass wir unserem eigenen Körper entfremdet sind.

Ich wünsche mir eine stille Revolution. In uns selbst. Für uns. Pause. Nachdenken. Und dann konsumieren wir mit Verstand – und genießen.

Kapitalismus und Konsum sind keine Naturgewalt. Sie werden hergestellt. Gegen Herstellung ist nichts zu sagen. Aber gegen blinden Gehorsam.

Überlegte Grüße
ad

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