Gedanken zum Dadaismus

Wie angekündigt, hier noch ein paar Gedanken zu Kurt Schwitters und zum Dadaismus.

Kurt Schwitters (1887 – 1948) Lektüre fiel mir eher zufällig in die Hände. Dadaismus – ich wusste nicht viel darüber. Ich habe ein bisschen nachgeblättert und fand folgendes. Dadaismus mag auf den ersten Blick wie freudvoller Blödsinn wirken. Ich möchte auch nicht in Abrede stellen, dass die Beteiligten ihren Spaß hatten. Schaut man sich allerdings die Entstehungsgeschichte an, wird die Sache ernster.
Der erlebte Krieg und dessen Auswirkungen brachte bei einer Gruppe von Künstlern – vorrangig Malern und Literaten – den Dadaismus zur Welt. Die Fachleute scheinen sich nicht einig, wer genau den Dadaismus „erfand“ und woher der Name stammt. Fest steht, dass er 1916 von einer Gruppe um Hugo Ball in Zürich ausging.

Im Laufe des Ersten Weltkrieges breitete sich der Dadaismus in ganz Europa aus, und so gab es Berlin Dada und New York Dada und Paris Dada, ja sogar Hannover Dada soll es gegeben haben. Überall protestierten Künstler durch gezielte Provokationen und ob der empfundenen Unlogik gegen Krieg und das obrigkeitshörige Bürger- und Künstlertum.

So steht der Begriff Dadaismus im Sinne der Künstler für totalen Zweifel an allem, für absoluten Individualismus und für die Zerstörung von gefestigten Idealen und Normen. Ich habe mir den Film „Das weiße Band“ nie anschauen können. Ist es ein Wunder, dass solch ver-rückte (Künstler-) Reaktionen auf all die familiäre und kriegerische Gewalt seinen Ausdruck suchte und – wenigstens vorübergehend – fand? Eine zutiefst pazifistische Position ist das verbindende Element aller Dadaisten. Zudem war es eine Revolte gegen die Kunst von Seiten der Künstler selbst, die die Gesellschaft ihrer Zeit und deren Wertesysteme entschieden ablehnte.

Wie zutiefst ernüchtert müssen diese Künstler gewesen sein, um eine solche Art von künstlerischer Antwort zu entwickeln. Vor allem der Logik entzogen sie jegliche Daseinsberechtigung. Wie sagte George Bernard Shaw? „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen  gebracht haben.“

„Dada ist der Ekel vor der albernen verstandesmäßigen Erklärung der Welt“, so Hans Arp, auch ein Dadaist. Also entstand eine Art Anti-Kunst, sinnentleert und eben bar jeglicher Logik. Das ging  z. B. in der Lyrik soweit, dass man die Buchstaben für ein Gedicht wie bei einer Tombola aus einem Losbeutel ziehen ließ und hieraus erfolgte dann die Komposition eines spontanen Gedichtes. Dahinter steht die Absicht, auf eine Sprache zu verzichten, die nach Ansicht der Dadaisten in der Gegenwart missbraucht und pervertiert wurde. Alles schien besser als irgendetwas mit Sinn. Denn Sinngebung, sage ich, war – und ist – beliebig.

Die Dadaisten beharrten darauf, dass Dadaismus nicht definierbar sei. Sie sprachen auch von Dada, nicht von Dadaismus, weil ihnen jeder –ismus von vornherein suspekt erschien. In den 20er Jahren verlor sich die Bewegung wieder. Sie gilt heute u. a. als Vorläufer der Performance-Kunst.

Der Dadaist George Grosz hat inzwischen in Berlin am Kurfürstendamm ein neues Denkmal erhalten, in dem er Namensgeber des wundervollen Café „Grosz“ wurde. Wenn Sie Jugendstil lieben und eine behutsame und detailgetreue Rekonstruierung alter Bausubstanz wertschätzen mögen, dann genießen Sie dort die Atmosphäre.

Als der Dadaismus sich schließlich zu festigen begann, riefen die Dadaisten dazu auf, diese Ordnung wieder zu vernichten, da es ja eben das war, was sie zerstören wollten. Woraufhin der Dadaismus wieder zu unklassifizierbaren Anarchie wurde. Kurt Schwitters – so habe ich gelesen – klebte, malte und nagelte 1919 in Hannover sein erstes „Merzbild“. „Merz“, das war die in der Collage noch sichtbare Silbe des Wortes „Kommerz“. „Merz“ sollte zum Motto für Kurt Schwitters gesamtes weiteres Schaffen werden. Hier noch eine Kostprobe von Kurt Schwitters, wieder entnommen Reclam „Eile ist des Witzes Weile“.

„Betrachtungen – 3

Wer über die Menschen will schreiben, der muss gutmütig sein und guten Mutes an seine Arbeit gehen. Er muss die kleinen Schwächen sowie die großen Fehler seiner Mitmenschen objektiv zu sehen bestrebt sein, auch die großen Zeitgenossen, bei denen die Fehler entsprechen ihrer Größe natürlich noch größer sein müssen. Er müsste sogar bestrebt sein, seine Zeitgenossen im Genuss ihrer schwachen Fehler zu lieben. Statt einen Menschen wegen seiner Schächer zu verurteilen, kann der objektive Optimist ihn gerade wegen dieser entzückenden kleinen und großen Fehler an die Stelle drücken, wo der normale Mensch seinen Verstand im Herzen hat. Und wenn Sie fragen, was das bedeutet, so sage ich: Dichtung.“

Beschäftigte Grüße
ad

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