Die Sache mit der Atmung

Wenn man sich mit dem Thema Entspannung beschäftigt, kann man den Eindruck bekommen, um die Atmung wird ein echter Hype betrieben. Wir stolpern allenthalben über die Aufforderung, wir mögen doch lernen, „richtig“ zu atmen, wir sollen beobachten und dann noch zählen und sogar noch üben. Vielleicht wissen wir, dass der Mensch oft zu flach und zu schnell atmet. Manchmal auch zu wenig. Der Zusammenhang ist bekannt: es geht um Sauerstoffzuführung und das Ausatmen von Kohlenmonoxyd.  Und ja, soweit können wir das nachvollziehen: wir bewegen(!) uns häufig(!) nicht genügend an der frischen(!) Luft, und da kann das mit dem zu wenig Sauerstoff schon angehen. Aber deshalb gleich ein Atem-Coach, Atem-Reha, Atem“technik“, den heiligen Atem?? Was hat es also mit der Atmung auf sich.

Die Bedeutung der Atmung ist aus zweierlei Gründen von zentralem Interesse: Zum einen für den Grad der Entspannungstiefe und zum anderen für die Herstellung des Kontaktes zu uns selbst. Dabei gilt das Einatmen in der Entspannungstheorie als aktiver Akt: belebend und kraftvoll. Das Ausatmen gilt als Akt des Zur-Ruhe-Kommens und in diesem Sinne als passiv. Ausatmen bedeutet demnach einerseits loslassen (Entspannung) und andererseits Sammlung (Kontakt zu mir selbst).

Das ist der Grund, warum das Ausatmen bei allen Entspannungstechniken eine solche Bedeutung hat.  Und warum es Sinn macht, eine Verlängerung der Ausatmungsphase zu trainieren, wobei Verlängerung hier für Vertiefung steht. Manchmal muss es ein Spaziergang sein, eine Jogging-Runde, ein Handballspiel, um runterzukommen. Oder wild tanzen. Das hilft auch. Und manchmal braucht es genau das Gegenteil, nämlich mehr Ruhe. Und wenn das der Fall ist, lässt sich das Ruhegefühl durch eine bewusste Atmung, die auf Bauchatmung angelegt ist (und eben dadurch wieder ihre Tiefe erlangt), geradezu voluminös herstellen. So richtig satt. Und tief. Ein wunderbares Gefühl ausufernder Ruhe. Und ich lasse es zu. Dieses Ausufern. Soll die Ruhe sich ausdehnen, wohin sie will, sie bekommt allen Raum und alle Zeit. Mein Körper, mein Tempel. Schöne Metapher.

Praktisch könnte das so aussehen: Sie sorgen für äußere Ruhe. Sie legen sich auf ein Sofa, ein Bett, den Fußboden. Sie sorgen dafür, dass Ihnen und Ihren Füßen warm ist. Die Beine bleiben ausgestreckt und locker nebeneinander liegen, die Füße klappen entspannt nach außen. Die Hände legen Sie entweder auf Ihren Bauch, oder Sie legen die Arme ausgestreckt neben Ihrem Körper. Sie fangen an, Ihren Atem zu beobachten. Manche sagen, sie lenken ihre Aufmerksamkeit auf ihre Atmung. Dabei forcieren Sie nichts. Sie atmen, wie Sie atmen. Sie beobachten lediglich: Ihre Nasenflügel, Ihren Brustkorb, Ihre Bauchdecke. Und Sie spüren.

Nach einiger Zeit fangen Sie an, während des Einatmens zu zählen. Dann zählen Sie während der Ausatmung. Und wenn jetzt die Zahl der Ausatmung höher ist als die Zahl der Einatmung, ist alles gut. Selbst wenn es nur eine einzige Zahl mehr sein sollte. Alles richtig. Es geht nicht um Voll-Maximierung! Wir wollen entspannen. Jeder Zeitraum, der den Moment der Entspannung genussvoll verlängert ist uns willkommen. Wir sprechen von Momenten – nicht von der Stechuhr. (Nur mal so nebenbei.)

Sie brauchen eher ein Beispiel für eine visuelle Unterstützung, weil Ihnen die Zählerei nicht so liegt? Hier kommt es: Stellen Sie sich vor, Sie stehen im flachen Wasser des Meeres und schauen auf das Ufer. Eine Welle läuft sanft auf den Strand zu, gleitet hoch bis zu ihrem Scheitelpunkt, und dann beginnt das Wasser langsam wieder zurückzulaufen. So atmen Sie. Sie lassen die Welle der Ausatmung sanft auf den Strand gleiten, weiter und weiter, es kommt der Scheitelpunkt, vielleicht zwei Sekunden der Atempause, dann beginnen wir sanft wieder einzuatmen.

Allerdings sind wir in einer solchen Ruhephase mit unserer Atmung und uns selbst allein. Wir lauschen nach innen. Das ist nicht jedermanns Sache. Manche schaffen es nicht, die Augen während dessen zu schließen. Das ist ihnen zu nah. Zu nah bei sich. Manche schauen, wenn sie auf einer Matte liegen, dauernd auf die Uhr, nach dem Motto, wann darf ich endlich wieder aufstehen (ich mache das ja beruflich und könnte da eine Menge erzählen). Bei manchen wird der innere Tumult so schreck(!)lich laut hörbar, dass sie lieber den ganzen Tag schuften und/oder die Anliegen fremder Menschen als die eigenen betrachten und für deren Lösung sorgen würden, als mit sich allein auf der Matte….. Und das, bitte, gilt es dann auch zu respektieren.

Womit wir beim Thema Kontakt wären. Die Entspannungstechniken (Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder einfach bewusstes Atmen etc.) korrespondieren in idealer Weise mit Wunsch nach Zentrierung auf mich selbst und meine Körpermitte. Wofür soll das gut sein?

Sind Sie schon mal Auto gefahren und haben sich zwischendurch gefragt: Wer ist jetzt gefahren? Wie bin ich von A nach B gekommen, von km 20 zu km 37?? Wir sind so in Gedanken, so in unserer (Kopf-) Welt verfangen, dass wir wie auf Autopilot durch die Zeit gehen. Und das passiert nicht nur auf der Straße, sondern in unsrem gesamten Leben. Wir bekommen nichts mehr mit. Nichts steht in diesem Fall für das Hier und Jetzt. Wir sitzen nicht am PC und sehen ihn, sondern wir bedienen ihn. In unserem Kopf sind wir bei der Aufgabe, dem Projekt etc. und das ist gut so. Auch das müssen wir können. Wenn wir allerdings nichts anderes mehr beherrschen(! Hören Sie den Widerspruch?) als das „Von-mir-selbst-weg-sein“, dann kann die Balance, die Lebensqualität nicht stark ausgeprägt sein. Will ich meine/n Partner/in sehen oder in meinem Kopf verschwinden lassen? Sehe, rieche, schmecke, fühle ich sie/ihn oder ist sie/er Kulisse geworden, verschmolzen mit Möbelstücken etc. und ebenso selbstverständlich und schemenhaft geworden wie alles andere?

Was Ei, was Henne ist, ist mir persönlich egal. Verlust des Körpergefühls durch living as an autopilot oder andersherum: Der Verlust des Gefühls für den eigenen Körper ist eine Tatsache, geopfert der Hektik und Geschwindigkeit unserer Zeit. Manche brauchen den Kopf unter dem Arm, um mitzubekommen, dass es ihnen wohl nicht gut geht. All die vielschichtigen Signale unseres Körpers werden ignoriert oder gar nicht erst wahrgenommen. Eine bewusste Entspannung, unterstützt von entspannender Atmung wirkt dem entgegen. Wir können nicht gleichzeitig bei uns sein und im Außen. Aufmerksamkeit sollte wie Schwangerschaft sein: ein bisschen schwanger geht ja schließlich auch nicht.

Wenn es um Konzentration auf mich und meine Bedürfnisse geht,  dann ist das Beobachten des eigenen Atems als Kontakthersteller das Mittel der Wahl. Anders ausgedrückt: wir sind in Kontakt mit uns selbst. Das schöne am Atmen ist, dass wir nichts machen müssen. Luft strömt ohne unser Tun in uns ein, um anschließend wieder ausgeatmet zu werden. Wir brauchen keine Erlaubnis, keinen Dritten, kein Material, keinen bestimmten Ort, keine bestimmte Zeit. Der Atem ist völlig unabhängig. Ich kann auch sagen, wir werden geatmet. Wenn wir also einen Moment der Sammlung benötigen, dann ist das bloße Hinlenken unserer Aufmerksamkeit auf die Atmung jederzeit möglich: Der Atem steht als Zentrierungspunkt jederzeit zur Verfügung. Das macht unabhängig. Wir tragen gewissermaßen einen Ruhepol ständig in uns.

Atmung ist nichts Gewalt(!)iges, im Gegenteil, es ist feinteilig. Die Wahrnehmung wird geschärft, die Achtsamkeit verfeinert.

Das sagt doch auch der Volksmund: erst einmal tief durchatmen, oder besser gleich dreimal tief durchatmen – je nach Notfall… Atmen wir also bewusst. Und tief. und genussvoll. Wenigstens zwischendurch. Denken Sie an dieses Zwischendurch. Tun Sie etwas dafür. Beschenken Sie sich damit  – es wird Ihr Leben bereichern.

Stärkende Grüße und ein dickes Lächeln

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