Selbstoptimierung hat Grenzen

Ist Ihnen Gabriele d‘Annunzio, Principe di Montenevoso, bekannt? Ich bin erst kürzlich über seinen Namen, seine Person, sein Leben gestolpert – und habe mit Interesse sein „Häuschen“ in der Nähe des Gardasees besucht. Oh, in der Tat – sehenswert.

Gabriele d’Annunzio war Sohn reicher Bauern, Schriftsteller, Kriegsheld,  Mussolini-Freund, Politiker,  Schuldner, Bauherr, Kunstsammler sowie  Liebhaber und glühender Verehrer  der Eleonora Duse und anderen Größen jener Zeit (1863 – 1938). Er gilt vor allem als egomanischer Schöngeist, der die narzisstische Selbstbespiegelungskunst vollendet beherrscht haben soll, schillernd und unberechenbar.

Er scheint ein Mensch voller Widersprüche und Exzesse gewesen zu sein, dem Luxus und seiner Sammelleidenschaft verfallen, durch die Gattin finanziert und toleriert, ein Mann,  der mit knapp 20 Jahren von seiner „immensen Lebensfreude/stark zu sein, jung zu sein/die irdischen Früchte zu beißen/mit festen, weißen, gierigen Zähnen/die kühnen und lüsternen Hände auf alles Berührbare zu legen“ zu berichten weiß…

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, und so steht man denn der Fülle der gesammelten Gegenstünde unterschiedlichster Natur staunend gegenüber und schaut – ziemlich sprachlos – auf die materiellen Anhäufungen eines einzelnen Menschen. Überdekoriert trifft es vielleicht noch am ehesten. Also – ziemlich überdekoriert.

Für Gabriele d’Annunzio war es Zeit seines Lebens von substantieller Bedeutsamkeit, in einer Umgebung zu leben, die ihm und seinen Ansprüchen an Lebensqualität entsprach.  Für die Erfüllung dieser  Bedürfnisse  scheute er  in seiner Radikalität weder Einsatz noch das Anhäufen astronomischer Schulden.

Gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen, klug oder borniert – all das ist hier nicht die Frage. Was mich fasziniert ist seine Kompromisslosigkeit, seine Konsequenz und diese schier unerschöpfliche Kreativität. Und wiederholt mit dem Risiko im Nacken, erneut alles zu verlieren. Wieder jeder Vernunft. Vor dieser Haltung , dieser Treue zu sich selbst, habe ich Respekt.

Ja, er verfügte über finanzielle Mittel (wenngleich sie niemals ausreichten für all seine Eskapaden), und ja, ein Mann hatte es zu dieser Zeit unbestritten leichter, sich selbst zu verwirklichen. Dennoch: Das allein lässt einen Menschen nicht treu zu sich und seinen Bedürfnissen stehen.

„Das, was in mir an Mysteriösem, Ungreifbarem, Unverständlichen ist – lasst es mir“. Diese Aussage von ihm rührt mich an.  Dieses „Ich-will-so-sein-und-bleiben“, das „Nicht-alles-erklären-und wissen-wollen, in Ratio übertragen und unters Mikroskop zerren“.

Nehmt mich, wie ich bin. Lasst mir meine Träume –ruft er uns zu – so verrückt sie für Euch – und vielleicht auch für mich – sein mögen.

Keine Anpassung um jeden Preis. Keine Selbstaufgabe. Allein das nenne ich ein erstrebenswertes Ziel. Und so können wir – auch hier – sehen, aus welch unterschiedlichen Richtungen wir uns dem Thema Selbstoptimierung – oder anderen – annähern können.

Respektvolle Grüße
ad

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