Von Brausetabletten und Zufallsgemisch ODER Die Sache mit der Authentizität

Ganz allgemein können wir aus sehr verschiedenen Blickwinkeln auf das Thema Authentizität schauen….aus einem politischen oder gesellschaftlichen, einem künstlerischen oder individuellen, aus einem kommunikativen, psychologischen oder philosophischen.

Auch in der Persönlichkeitsentwicklung wird viel über Authentizität gesprochen, z.B. bei den Themen Perfektion, Helfersyndrom oder Stressabbau.
Mir fällt jedoch auf, dass das Ziel, authentisch zu sein, immer häufiger zu Missverständnissen führt. Vor allem, wenn in diesem Zusammenhang das Stichwort Selbstoptimierung fällt.
Ich lese und höre dann, es ginge um Maxime, ja, Imperative im Sinne von „Du hast zu tun, zu sein, zu müssen etc.“  Wer sich nicht optimiert, bleibt zurück! ist nicht en vogue! nicht auf der Höhe der Zeit! nicht anschlussfähig! Ja, ruiniert sein Leben! – und was es da sonst noch so gibt. Das erzeugt – ich finde, wenig verwunderlich – bei einigen eine Art Umkehrschluss, nämlich zu sagen: Ihr könnte mich mal, ich bin, wie ich bin. Schluss. – Was wiederum als Freischein genutzt werden könnte, sich und die Umwelt mit Kübeln schlechter Laune oder ähnlichem malträtieren zu dürfen – weil, voll authentisch!

Ja, jeder von uns lebt in einer Rollenvielfalt. Vielleicht sind wir Chefin oder Kollege, Freund oder Freundin, Partner, Vater, Bruder, Kundin etc. – in all diesen Situationen nehmen wir Rollen ein, was völlig normal ist in unserer komplexen Lebenswirklichkeit. Dennoch können wir in jeder Rolle authentisch sein. Wir sprechen dann von einer situativen Authentizität.

Zur Authentizität gehören vier Kriterien:                                                   

Bewusstheit 
Wir kennen unsere Gefühle und Motive für bestimmte Verhaltensweisen, unserer Stärken und Schwächen, wir reflektieren uns also selbst, öffnen uns einer Selbsterkenntnis durch Selbst-/ Fremdwahrnehmung. Wir sind an einer Reduzierung blinder Flecken interessiert

Ehrlichkeit – sich selbst gegenüber
Wir sind in der Lage, ungeschminkte Realität (über uns selbst) wahrzunehmen und auszuhalten, ohne uns zu verdammen (!) und akzeptieren unangenehme Rückmeldungen/Kritik als Chance, etwas über uns selbst zu erfahren. (hier braucht es die Fähigkeit zu innerem Abstand, die erlernbar ist)

Konsequenz 
Wir handeln nach eigenen Werten und Überzeugungen bzw. dazu stehen, auch wenn es Nachteile mit sich bringen sollte. Wir nehmen die Konsequenzen dieses Handelns in Kauf und hängen damit unsere Fähnchen nicht in den Wind. Souveränität ist hier unerlässlich.

Aufrichtigkeit – Bereitschaft, sein wahres Selbst mit all den positiven und weniger positiven Seiten, in sozialen Beziehungen offen zu zeigen und nicht zu verleugnen.

Damit bedeutet authentisch vor allem eins:
Eine innere Haltung und Überzeugung stimmt mit dem äußeren Handeln überein.
Wohlgemerkt: Im Rahmen dessen, was zu einem respektvollen und selbstverantwortlichen Miteinander gehört.

Authentizität kann nichts sein, was in Stein zu hauen ist. Denn jeder Entwicklungsschritt bedeutet nichts anderes als Veränderung. Wenn wir uns selbst treu bleiben wollen, kommen wir im Laufe unseres Lebens gar nicht drumherum, das Bild von uns selbst an unsere ganz natürlichen Entwicklungsschritte anzupassen und das Authentische mitwachsen zu lassen.

Authentisch zu sein, bedeutet also eben nicht: Bleib, wie Du bist! Oder gar: Sei die bestmögliche/die maximale Super-Version von dir selbst und mach‘ auf Tschaka.
Sondern: Steh zu Dir!
Es bedeutet bei sich zu bleiben, sich selbst zuzuhören und ernst zu nehmen, eine Haltung zu entwickeln und diese dann selbstbewusst nach außen zu tragen. Nicht für die anderen, sondern für uns selbst! Damit wir uns eben nicht wie eine Brausetablette im allgemeinen Selbstoptimierungsgeschwurbel auflösen – siehe unten:

„Guten Abend. Mein Name ist Gustav Hügel. So wie Sie dasitzen, sehe ich es deutlich. Soll ich sagen, was Ihnen fehlt? Die Zeitlosigkeit, das Vollindividuum! Sie wollen weit vorne mitschwimmen in der Zeitenbrühe, in diesem Zufallsgemisch, und dabei lösen Sie sich auf wie eine Brausetablette.“
(Aus: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke, 2011)

Echte Grüße in Pseudo-Zeiten
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