Zeit zum Zuhören

Zuhören zu können war und ist wichtig. Vielleicht wichtiger denn je. Viele Schulungen von Soft Skills für Führungskräfte enthalten z. B. den Baustein „Aktiv zuhören“. Manche von uns können das von ganz allein. Manche wissen damit nichts anzufangen. Manche haben es schlicht gelernt und für sich entdeckt. Im Beruf wie im alltäglichen oder gesellschaftlichen Miteinander.

Es gibt viele Klagen, dass wir einander nicht mehr „richtig“ zuhören, dass sich zu wenig Zeit dafür genommen wird oder einfach das Interesse fehlt. In Zeiten der Selfie-Hochkonjunktur und des unverblümten Egoismus stehen halt viele im eigenen Kosmos und drehen sich um sich selbst.

Doch das allein greift zu kurz. Wenn unsere Aufmerksamkeitsspanne gleichzeitig so rapide abgenommen hat (und diese traurige Entwicklung bekommt m. E. zu wenig Stoppsignale), wenn alle nur im Außen unterwegs sind und das Bei-sich-bleiben-können so wenig Menschen möglich zu sein scheint (was ja im direkten Zusammenhang mit den vielen Rufen nach weniger Stress und mehr Gelassenheit steht), wenn laut super und leise zu langweilig verkommt, dann verwundert diese Entwicklung nicht.
Außerdem sollen wir uns ja nicht mehr an irgendetwas binden, darum geht es ja ebenfalls bei diesem ganzen Höher-schneller-weiter-. Sich Zeit zu nehmen für etwas, was nicht käuflich oder funktional ist – „bloß“ zuhören, „bloß“ Gespräch, damit ist kein Blumentopf zu gewinnen.

Denn ein wirkliches Gespräch, bei dem im besten Sinne zugehört wird, verbindet. Es braucht Zeit, Vertrauen, Geduld während eines solchen Gesprächs. Das sind alles Parameter für eine gelungene Bindung. Und diese Bindung ist etwas Bewahrenswertes – in meinen Augen. Es kann uns den Glauben an die Menschheit zurückgeben – sollten wir ihn denn verloren haben. Es kann unsere positive Sicht auf das Leben stärken. Es kann Zuversicht verströmen und Mut machen. Es kann uns selbstbewusster und selbstwirksamer machen. Das alles ist etwas, was unsere Haltung beeinflusst – dem Leben gegenüber, den anderen Menschen und nicht zuletzt uns selbst gegenüber.

Nun gibt es im Netz jeder Menge ausführliche Checklisten, wie man denn am besten lernt, ein guter Zuhörer zu werden. Doch jenseits von Checklisten, Fragetechniken und Ablauf-Diagrammen braucht es zunächst etwas ganz anderes.
Es braucht als allererstes ZEIT, die zur Verfügung gestellt sein will. Es braucht RESPEKT vor sich selbst und vor anderen. Es braucht ein Interesse an ANDEREN MENSCHEN. Es braucht den WILLEN, sich selbst ein stückweit beiseite zu stellen und mit diesem Zustand entspannt umgehen zu können.

Denn Zuhören bedeutet, eine Pause von sich selbst. Wir wenden unser Augen, unsere Ohren, unseren Verstand und unsere menschliche Wärme dem Sprechenden zu. Wir müssen nichts sagen, nichts beweisen, nicht helfen, nicht lösen, nicht agieren – nur auf Sendung sein, das sollten wir. Und schweigen können. Wenn dann noch ein Verständnis vorhanden ist, dass sich aus der Akzeptanz und liebevoller Betrachtung unserer eigenen Schwächen entwickelt hat, stehen die Zeichen für ein wertschätzendes Gespräch gut.

Mehr braucht es nicht. Ganz „schön“ wenig. Und doch so viel. Oder?

Zugewandte Grüße
ad

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung